Gründung der Oldenburgischen Navigationsschule

Die Bedeutung Elsfleths wurde aber auch nach der Aufhebung des Weserzolls im Jahre 1820 gewahrt. Die Bevölkerung beteiligte sich vor allen Dingen am Robben- und Walfang. Aber mit dem Anwachsen des Aufgabengebietes genügte sehr bald die bisherige Ausbildung der jungen Seeleute als Nachwuchskräfte für die Schiffsführung nicht mehr. Es folgte die Gründung der Oldenburgischen Navigationsschule in Elsfleth, wie die Seefahrtschule ursprünglich hieß. Vor dem 20. August 1832 gab es in Oldenburg für angehende Steuerleute und Kapitäne keinen geregelten Unterricht. Bis dahin nahmen die Seefahrer, wenn sie es denn für nötig hielten, Privatunterricht bei älteren Kapitänen in nautischen und seemännischen Fächern und bei Schullehrern verschiedener Art in fremden Sprachen und Rechnen. Für diesen Unterricht wurde vorwiegend der Winter benutzt, in dem die älteren Seeleute sich mit Segelmachen, Fischen, Werftarbeiten und ähnlichen Dingen, die jüngeren außerdem sich mit Lernen beschäftigten, soweit sie sich davon einen Vortei versprachen; denn vorgeschrieben scheint irgendwelcher nautischer Unterricht nicht gewesen zu sein. Damals fuhren die Oldenburgischen Seeschiffe meist nur im Sommer in Europäischen Gewässern. Der Unterricht wird sich auf die allernotwendigsten Gegenstände seemännischer und nautischer Art beschränkt und in einem rein mechanischen Einüben der wichtigsten Aufgaben bestanden haben. Von den Prüfungen aus jener Zeit, die wohl ganz privater Art gewesen sind, erzählt man sich allerlei lustige Dinge. Sie sollen bei einer kräftigen Punsch- oder Grogbowle abgehalten worden sein, deren Kosten die Prüflinge trugen. Die amtlichen Bekanntmachungen über die Gründung der Navigationsschule lautet folgendermaßen: So wie nun hierdurch solchen jungen Männern die bisher mangelnde Gelegenheit verschafft wird, mit mäßigen Kosten sich der Kenntnisse zu erwerben, welche sie zu ihrem gewählten Beruf tüchtig machen müssen, so ist zugleich verordnet worden, daß diejenigen Wehrpflichtigen, welche nach dem §10 Nr. 8 des Recrutierungsgesetzes vom 1. Februar 1831 als Schiffscaptains, Steuermänner oder Schwermatrosen auf die Versetzung zur Reserve Anspruch machen wollen, sich einer vom gedachten Lehrer der Navigationsschule in Elsfleth mit ihnen vorzunehmenden Prüfung unterwerfen, und durch ein Zeugnis desselben ihre Tüchtigkeit bey dem Großherzoglichen Militärcollegium beweisen müssen, für welche Prüfung und Ertheilung des Zeugnisses von denjenigen, die als Schiffscaptains oder Steuerleute diese gesetzliche Begünstigung nachsuchen wollen, wenn sie nicht die Navigationsschule in Elsfleth besucht haben, zehn Rthlr. Gold, und von denjenigen, die als Bootsmänner oder Schwermatrosen darauf Anspruch machen wollen, fünf Rthlr. Gold, an gedachten Lehrer zu entrichten sind. Oldenburg, den 20. August 1832 Mentz Oeltermann

 

Einen Monat später folgt in der „Beylage zu Nr. 78 der Oldenburgischen Anzeigen“ vom 29. September 1832 die Bekanntmachung:


Dr. Suhr

Man sieht aus diesen beiden Bekanntmachungen zunächst, wie großen Wert die Regierung darauf legte, die jungen Seeleute zur Steuermannsprüfung anzureizen; denn sie befreite die geprüften Seeleute vom aktiven Militärdienste. Weiter aber geht daraus hervor, dass von der Navigationsschule ein großer Teil der männlichen Jugend von Elsfleth und Umgebung Nutzen ziehen konnte, da die Nebenschule der Navigationsschule den Knaben vom zehnten Lebensjahre an offen stand. In ihr scheint im wesentlichen schon viel von dem gelehrt worden zu sein, was heute zum Lehrstoff der Realschulen gehört: Englisch, Französisch, fakultativ sogar Spanisch, Mathematik und Zeichnen. Der Unterricht in der englischen Sprache und in der Mathematik wurde in der eigentlichen Navigationsschule fortgesetzt. Der Eintritt in den Unterricht konnte zu jeder Zeit stattfinden. Das war natürlich kein didaktisches Ideal, denn wahrscheinlich musste nun jeder Schüler durch eine Art Einzelunterricht gefördert werden. Feste Eintrittstermine festzulegen hat man aber wohl vermieden, um alle zu den verschiedensten Zeiten von See kommenden Oldenburger in die Lehrgänge aufnehmen zu können, ohne ihnen Zeitverlust zu verursachen.

Bis zum Jahre 1856 unterrichtete der in Schwei in Oldenburg als Sohn eines Landmanns geborene Dr. Johann Hinrich Suhr, der bis dahin an einem Schullehrerseminar in Bremen Lehrer gewesen war und zu seiner Weiterbildung eine größere Reihe von Seereisen gemacht hatte, als einziger Navigationslehrer zunächst kurze Zeit in einer ehemaligen Herberge, später in verschiedenen Elsflether Häusern.