Großherzogliche Navigationsschule

Im Jahre 1856 wurde die bis dahin staatlich unterstützte Schule des Dr. Suhr in eine rein staatliche (Großherzogliche) Navigationsschule umgewandelt. An ihre Spitze stellte die Regierung der Rektor von Freeden, der Mathematik, Physik und Astronomie studiert und von 1845 bis 1856 an Gymnasien in Jever als Oberlehrer gewirkt hatte. Er entsprach ganz den Erwartungen der Regierung und war ein sehr erfolgreicher Lehrer und Schulleiter. Außer dem Rektor v. Freden wurde 1856 noch der Geometer Köster aus Sylt angestellt, der bis zum 31. Januar 1902 mit großem Erfolge als Lehrer tätig gewesen ist. Kurze Zeit nach Kösters Eintritt in die Schule kam noch der Lehrer Jülfs hinzu, so dass das Lehrerkollegium nun aus drei Personen bestand. Nebenamtlich unterrichtete Dr. Tielke bis zu seinem im Jahre 1887 erfolgten Tode im Fache der Gesundheitspflege, und außerdem war nebenamtlich ein Lehrer für Geographie, englische und deutsche Sprache und für seemännische Gesetzeskunde, wie Havarie, Assekuranz und dergleichen, tätig. Der früher beliebte Einzelunterricht wurde 1856 abgeschafft, wie aus einer Verfügung vom November 1856 hervorgeht, in der es heißt, dass in laufende Lehrgänge nur solche Schüler aufgenommen werden dürfen, die durch eine Prüfung den Nachweis lieferten, dass ihre Kenntnisse den Fortschritten der früher eingetretenen nicht hinderlich sein würden. Einmal drohte die Gefahr, dass die Schule nach Oldenburg verlegt werden sollte, und zwar der besseren Verkehrsverhältnisse wegen. Rektor von Freeden, der sich auch für dieses Vorhaben aussprach, war der Meinung, dass den Lehrern und den Schülern hier eine bessere Möglichkeit der Weiterbildung gegeben wäre. Nur aus der Erkenntnis heraus, dass Elsfleth eine bedeutende Seefahrerstadt ein Anrecht auf diese Bildungsstätte für Seeleute hatte, ließ man den Plan wieder fallen. Von Freeden ging 1867 nach Hamburg und wurde Gründer und Direktor der Deutschen Seewarte, dem heutigen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie.

Im Jahre 1868 wurde der Astronom Dr. Behrmann als Nachfolger von Freedens zum Rektor der Navigationsschule ernannt. (Im Jahre 1896 erhielt er die Dienstbezeichnung Direktor.) Sein Name ist mit einer großen Hinterlassenschaft an Ausarbeitungen, so mit der Herausgabe des ersten Sternenkatalogs des südlichen Sternenhimmels, verbunden. Unter ihm nahm die Schule einen bemerkenswerten Aufschwung, gefördert durch das lebhafte Interesse von Regierung und Landtag, durch die Blüte der Oldenburger Segelschifffahrt an der Weser, deren Reeder vorwiegend in Elsfleth, Lienen oder Brake saßen und an denen viele Landwirte durch Übernahme von Schiffsparten beteiligt waren, und nicht zum wenigsten durch die Einigung der deutschen Länder zunächst im Norddeutschen Bund, dann 1871 im neuen Deutschen Reiche. Noch vor dem Deutsch- Französischen Kriege, im Jahre 1869, wurde vom Norddeutschen Bund „Vorschriften über den Nachweis der Befähigung als Seeschiffer und Steuermann auf deutschen Kauffahrteischiffen“ erlassen, die dem unhaltbaren Zustand ein Ende machten, dass z.B. Elsfleth geprüfte Steuerleute nur auf oldenburgischen, nicht aber bremischen Schiffen Steuermannsdienst verrichten konnten und umgekehrt. Diese Vorschriften mussten auf den ganzen Unterrichtsbetrieb an den Navigationsschulen entschieden einwirken, da sie Art und Umfang des Unterrichts auf ganz neue Grundlagen stellten. Zur Kontrolle der Prüfung wurde ein Reichsprüfinspektor ernannt. Die Navigationsschulen selbst blieben Angelegenheiten der Küstenländer, wie sie es noch heute sind.

Trotz dieser Bindung an die Reichsprüfungsvorschriften, die es dem Rektor der Schule nicht mehr erlaubten, einen so entscheidenden Einfluss auf den Lehrplan auszuüben, wie seine Vorgänger ihn besaßen, oder vielleicht durch sie hat es Behrmann verstanden, das hohe Ansehen der Elsflether Navigationsschule nicht nur zu erhalten, sondern noch zu steigern. Viel trug hierzu die allmähliche Umgestaltung des Lehrkörpers bei, die von Behrmann geschickt ausgeführt worden ist. Während an der Mehrzahl der Deutschen Navigations- oder Seefahrtsschulen noch bis vor wenigen Jahren nur ehemalige Schiffsoffiziere als Lehrer tätig waren, erhielt dank Behrmanns Weitblick die Elsflether Schule als erste neben der von Bremen außer den Lehrern für die rein seemännischen Fächer, die aus besonders tüchtigen Schiffsoffizieren ausgesucht wurden, eine größere Zahl akademisch gebildeter Lehrer für mathematisch-astronomisch-physikalischen Fächer. Durch Behrmann kam auch unsere Schule als eine der ersten in den Besitz eines physikalischen Laboratoriums, das bei der raschen Zunahme der technischen Navigation von Tag zu Tag an Bedeutung gewann. Besonderen Wert legte Behrmann schließlich auf die Schaffung einer mustergültigen Bibliothek, die in ihrer Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit kaum von der einer anderen Seefahrtschule erreicht, geschweige denn übertroffen wurde. Die von ihm herausgegebene Nautische Tafelsammlung war ihrer Zeit die Beste und zuverlässigste ihrer Art, die es in Deutschland gab. Seine Verdienste ehrte der Großherzog durch Verleihung des Oldenburgischen Ritterkreuzes 2. Klasse mit der silbernen Krone des Großherzoglichen Haus- und Verdienstordens.

Eine weitere wichtige Station in der Entwicklung der Schule war ferner der Neubau des Schulgebäudes im Jahre 1871. Im Jahre 1892 musste ein weiterer Flügel angebaut werden, damit die überaus wertvolle Bibliothek würdig untergebracht werden konnte. Auch ein Prüfungszimmer kam damals hinzu.
Am 1. November 1910 trat Behrmann in den wohlverdienten Ruhestand und zog nach Wiesbaden, wo er noch bis zum 12. September 1927 in Gesundheit und geistiger Frische lebte. Mit der Geschichte nicht nur der Seefahrtschule in Elsfleth, sondern auch des ganzen deutschen Seefahrtschulwesens ist Behrmanns Name für alle Zeit eng verknüpft. Es war Carl Behrmanns Sohn Franz, der verfügte, dass nach seinem Tode sein Vermögen der ehemaligen Seefahrtschule Elsfleth zugute kommen sollte. Seine Frau Gertrud, die ihn um 15 Jahre überlebte, vermehrte diese Vermögen durch geschickte Geldanlagen. Als sie schließlich gebrechlich wurde, holte sie der zu dieser Zeit bereits pensionierte, ehemalige Dekan des Fachbereichs Seefahrt, Hans Adami von Wiesbaden nach Elsfleth. Gertrud Behrmann verstarb 1989 in Brake.

Als Nachfolger von Dr. Behrmann wurde Dr. Möller als Direktor ernannt. Dr. Möller, der Astronomie und Mathematik studiert hatte, war zehn Jahre lang als praktischer Astronom an der Sternwarte Bothkamp und der Zentralstelle in Kiel tätig, bevor er einen Ruf an die Navigationsschule in Elsfleth annahm. Im Februar 1902 begann er seine Tätigkeit zunächst als Oberlehrer. Sein Amt als Direktor versah er mit großem Geschick bis zum Jahr 1932.